Ctrl + Shift + AI: Jetzt zählt der Mut – Paul Kraus liefert den Wachrüttler
Die M+M TrendSession 2025 im Zentrum für Präzisionstechnik (ZPT) in Pforzheim stellte die Frage in den Raum, wie Künstliche Intelligenz (KI) unser Denken, Arbeiten und Entscheiden von Grund auf neu programmiert. Der klare Befund von Tech-Experte Paul Kraus, Berater und Partner AI bei Team One Developers GmbH: KI ist kein einfacher Trend mehr. Er bezeichnete die Entwicklung vielmehr als „einen ganz heftigen Tsunami, der vieles kräftig durcheinander wirbelt“. Während sämtliche IT-Entscheider KI als wichtigsten Faktor sehen, fehle es in vielen europäischen Unternehmen an Zeit und vor allem am Mut zur echten, tiefgreifenden Transformation.
Kraus kritisierte, dass die mächtigste Technologie seit der Erfindung des Internets von vielen lediglich mit kosmetischen Maßnahmen bedacht werde. Im Gegensatz zur Agilen Transformation, bei der Rollen, Prozesse und Zertifikate etabliert worden seien, gebe es heute eine bedenkliche Lücke: „Wir machen so einen Freitagnachmittagsworkshop, wo wir Prompts lernen.“ Und die Folge dieses Zögerns werde fatal sein, so Kraus: „Niemand hat einen AI Coach. Das wird zum Problem.“
Der Agent revolutioniert den Einkauf
Die größte Disruption sieht Kraus in der Art und Weise, wie Handel und Interaktion ablaufen. KI sei nicht bloß ein Chat-Logo, sondern eine Infrastruktur, die jede Dimension der digitalen Wertschöpfung durchdringe. Das „Agentic Payment Protocol“ sei dabei der zentrale Gamechanger, da es den Kassiervorgang (Checkout) direkt im Chat oder über einen QR-Code ermögliche und damit das größte Bottleneck beim Online-Shopping eliminiere.
Die logische Konsequenz: Kunden werden Kaufentscheidungen delegieren, da die Customer Journey in vielen klassischen Shops (gesponserte Links, Cookie-Banner, Pop-ups) frustrierend sei. Agenten, etwa von Google oder Microsoft, würden dank umfassendem persönlichen Kontext (Browserhistorie, E-Mails) die Präferenzen der Nutzer kennen und damit deutlich bessere Empfehlungen liefern.
Händler und Marken stehen damit laut Kraus vor einer harten Wahrheit. „Kunden werden keinen Grund mehr haben, einzelne Shops zu besuchen, es sei denn, diese bieten eine wirklich außergewöhnliche Product Experience oder Delivery Experience. Der AI-Experte formulierte die zentrale Frage, die sich jeder Shop-Betreiber stellen müsse: „Gib‘ mir einen guten Grund, bei dir im Shop zu kaufen.“
Strategie: Schneller als die anderen
Angesichts der Vormachtstellung großer Marktplätze, die ihre Stellung durch KI weiter ausbauen, betonte Kraus, dass Unternehmen jetzt strategische Wetten auf die Zukunft eingehen müssen und nicht einfach die digitalen Produkte des letzten Jahres nachbauen dürfen.
Der Markt sei nicht groß genug für Langsamkeit. Es gehe nicht darum, Amazon in puncto Geschwindigkeit zu überholen, aber man müsse „schneller laufen als alle anderen.“ Die Taktik sei, die direkten Wettbewerber zu übertreffen. Dabei müsse man sich auf die einfachen, grundlegenden Prinzipien erfolgreicher Geschäftsmodelle besinnen: Menschen sind bequem, wollen Geld sparen und lieben Einfachheit.
Gefahr für Medienkompetenz
Neben der ökonomischen Disruption warnte Kraus vor einem massiven Verlust der digitalen Kompetenz. Die kritische Überprüfung von Quellen werde vernachlässigt, und Nutzer neigten dazu, den Maschinen blind zu vertrauen. Besonders gefährlich sei die perfektionierte, manipulative Welle der KI-Voice-Agenten, die einen Enkeltrick möglich macht, indem Stimmen und Kontexte perfekt nachgeahmt werden. Seine dringende Empfehlung, um auf derartige Betrugsmaschen nicht herein zu falen: „Macht geheime Codewörter aus, alles andere kann böse enden.“
Gleichzeitig ermögliche KI als „New UI“ (New User Interface) neue Formen der Interaktion. Ob spezialisierte Legal Agents oder CRM Agents im B2B-Bereich oder die hohe Effizienz der Codegenerierung – KI durchdringe die Geschäftsprozesse rasant. Code-Generierung sei aktuell der wichtigste Use Case.
Investitionen und Mut sind gefragt, um die Zukunft aktiv mitzugestalten, sagte der Referent abschließend. Wer jetzt zögere und sich zurücklehnt, anstatt „ein bisschen mutiger die Steine zu werfen“, riskiere, von der Geschwindigkeit der Entwicklung überrollt zu werden.
Autor: Gerd Lache, BadenPresse